(von Katharina Hofmann, Tierärztin)
Um eine präzise Diagnose zu stellen, ist in der Tiermedizin eine umfassende und zugleich fokussierte Anamnese entscheidend. Aus diesem Grund werden Checklisten für eine gründliche Anamnese immer beliebter. Praxisteams können sie aus der Humanmedizin für die Tiermedizin adaptieren und anwenden.
Um eine gute Anamnese zu gewährleisten, sollte diese strukturiert in einer logischen Reihenfolge erfolgen, indem die Punkte
- Beschwerden,
- Krankheitshistorie und
- Umwelteinflüsse
abgefragt werden. Hierbei sollte sich der Tierarzt oder die Tierärztin darauf konzentrieren, die aktuellen Beschwerden und die relevanten medizinischen Informationen in Erfahrung zu bringen, während er*sie sich bemüht, mithilfe von klarer Kommunikation, offen gestellten Fragen, Empathie und sorgfältigem Zuhören den Wünschen der Kund*innen zu entsprechen.
Ein Fall für die Checkliste
Die genaue und vollständige Erhebung einer Anamnese ist wichtig, um
- das Leiden des Patienten zu identifizieren,
- das medizinische Problem zu identifizieren und zu korrigieren,
- Missstände, die zur Erkrankung des Tieres führten, aufzudecken,
- Fehler zu vermeiden, die zu falscher oder unpassender Behandlung führen würden.
Leider treten Fehler während der Befragung zur Vorgeschichte alarmierend häufig auf – laut einer Studie in der Humanmedizin sogar in 67 Prozent der Fälle.
Eine strukturierte oder Algorithmus-basierte Checkliste für die Anamnese trägt erheblich zur vollständigen Erfassung der Vorgeschichte bei. Der Einsatz eines Algorithmus hat den zusätzlichen Nutzen, dass auch andere Teammitglieder außer dem Tierarzt oder der Tierärztin die Anamnese durchführen können. So werden die Effizienz, die Qualität und Gründlichkeit der gesamten Untersuchung und Behandlung während des Praxisbesuches gesteigert sowie Fehler minimiert. Eine allgemein gültige Checkliste für Anamnesen in der Tierarztpraxis einzuführen ist außerdem einfach, schnell und kostengünstig.
Anamnese lernen
Medizinstudierende, die eine Kommunikationsschulung durchliefen, führten aufgrund besserer zwischenmenschlicher Fähigkeiten auch eine bessere Anamnese durch. Auch eine Schulung zur Einführung von Anamnese-Checklisten und Nutzung dieser zur Kategorisierung einer großen Menge von Informationen war hilfreich. Die Schulung kann mithilfe von Videos, Online-Kursen, Gruppenworkshops, Rollenspielen und praktischen Beispielen erfolgen.
Kommunikation und Teamwork
Checklisten führen auch zu einer vermehrten Kommunikation und fördern die Zusammenarbeit im Praxisteam. Ein Beispiel dafür aus der Humanmedizin ist die Surgical Safety Checklist (SSC), die von der World Health Organization (WHO) im Jahr 2006 entwickelt und in über 4000 Krankenhäusern weltweit integriert wurde. Die SSC beinhaltet eine verbale Absprache zwischen den Teammitgliedern zu festgesetzten Zeitpunkten vor, während und nach dem operativen Eingriff und wird mit der signifikanten Reduktion von perioperativer Morbidität und Mortalität in Verbindung gebracht. Dieser Erfolg ist auf die verbesserte Kommunikation in einer Risikosituation wie einer Operation zurückzuführen, durch die Komplikationen vorgebeugt werden kann. Die Einführung eines neuen Checklisten-Systems erfordert die Bemühung des gesamten Teams und sollte koordiniert sowie interaktiv erfolgen. Nutzen und Mehrwert sollten vermittelt und auf Feedback eingegangen werden.
Aufbau der Vet-Checkliste
Um eine allgemeingültige Anamnese-Checkliste für die veterinärmedizinische Praxis zu adaptieren und aufzustellen, können folgende Orientierungspunkte helfen:
- Gründe für den Praxisbesuch ermitteln
Hauptbeschwerden feststellen, Sorgen der Besitzer*innen identifizieren, eventuell zusätzliche Probleme entdecken - Eingehen auf den Vorstellungsgrund
genaues Problem, Dauer, Veränderung, Vorbehandlung, Ansprechen auf Therapieversuche - Standardsymptome abfragen
Durchfall, Erbrechen, Husten, Ausfluss, Schmerz, Lahmheit, … - Futteraufnahme
Appetit, Gewicht, Art der Fütterung, Wasseraufnahme, Kot- und Urinabsatz - Krankheitsvorgeschichte
Operationen, Eingriffe, Erkrankungen - Haltung
Haus/Wohnung, Freilauf, Kontakte, Reisen, Impfstatus, … - Medikationen
Arzneimittel, Dosis, Behandlungsdauer, Unverträglichkeiten
Fazit
Checklisten haben sich in der Humanmedizin besonders in Kombination mit einem Kommunikationstraining als hilfreich erwiesen. Sie minimieren Fehler, verbessern die Zusammenarbeit von Ärzt*in und Patient und tragen so zur Patientensicherheit bei. Vor allem helfen sie weniger erfahrenen Mitarbeiter*innen. Tierärzt*innen können aus diesen Erfahrungen lernen und den Einsatz sowie Nutzen einer standardisierten Checkliste zur Anamnese-Erhebung in ihrer Praxis in Erwägung ziehen.
Weitere Informationen
Autor: Katharina Hofmann, Tierärztin
Datum der letzten Aktualisierung: Juli 2025
Quellen: Olin, S.J., Tolbert, M.K., University of Tennessee, Knoxville: Starting Off Right: Checklists Are Essential for a Good History. https://www.cliniciansbrief.com/article/starting-right-checklists-are-essential-good-history (Abruf: 07/2025)