(von Redaktion Vets-online.de)
Bewegungsstörungen beim Hund, die unter dem Begriff paroxysmale Dyskinesie (PD) zusammengefasst werden, bergen die Gefahr, mit einem fokalen epileptischen Anfall verwechselt zu werden. Erfahren Sie im Beitrag, wie sich eine PD von Epilepsieformen unterscheidet und warum in vielen Fällen eine spezielle Diät sinnvoll ist.
Kürzlich berichtete ein Kollege aus der Redaktion von einem Hund aus dem Bekanntenkreis: Der Hund zeige immer wieder eine Art Anfallsleiden, bei dem sich die Muskulatur verkrampft und das Tier für einige Minuten nicht laufen kann. Anschließend verschwänden die Symptome wieder vollständig, und der Hund kehre zu seinem gewohnten Verhalten und unauffälligen Bewegungsabläufen zurück. Diese „Anfälle“ würden alle paar Wochen vorkommen, dazwischen sei der Hund völlig beschwerdefrei. Eine konsultierte Tierärztin habe den Hund untersucht und nun eine Spezialdiät vorgeschlagen, was bei den Besitzenden Skepsis hervorrief. Wo war der Zusammenhang? Im Austausch mit den tierärztlichen Kolleg*innen der Redaktion warf der Fall ebenfalls Fragen auf. Der Kollege schickte schließlich eine Handyaufnahme, die einen der beschriebenen Anfälle dokumentiert.
Was auffiel: Der Hund war während der Bewegungsstörung vollkommen bei Bewusstsein. Könnte es sich um eine paroxysmale Dyskinesie handeln? Ein Anlass für uns, uns mit dieser Art der Bewegungsstörung näher auseinanderzusetzen.
Paroxysmale Dyskinesie
Paroxysmale Dyskinesien sind plötzlich auftretende Episoden, die von unwillkürlichen hypertonen oder hypotonen Bewegungen gekennzeichnet sind. Charakteristisch ist, dass betroffene Tiere bei vollem Bewusstsein sind. Bei manchen Hunden kommt es in Ruhe und ohne ersichtlichen Anlass zur Bewegungsstörung, bei einigen Tieren ist Stress, etwa Aufregung, ein Auslöser, bei wieder anderen Hunden vermögen plötzliche Bewegungen, die Symptome hervorzurufen.
Die paroxysmale Dyskinesie (PD) beim Hund tritt in zeitlich unterschiedlich großen Abständen auf, von mehrmals täglich bis zu mehrmonatigen Abständen. Die Bewegungsstörung ist dabei immer selbstlimitierend. Es können eine oder mehrere Gliedmaßen betroffen sein, mitunter auch Kopf, Hals und Rücken. Je nach individueller Ausprägung erscheint die Bewegungsstörung in leichten Fällen wie eine geringfügige Gangunsicherheit und verschwindet schon nach wenigen Sekunden bis Minuten, in ausgeprägten Fällen ist der gesamte Körper für bis zu eine halbe Stunde oder länger anhaltend betroffen.
Da in der Regel konsultierte Tierärzt*innen die Bewegungsstörung selbst nicht beobachten können, lenken die Beschreibungen der Tierhaltenden den Verdacht oftmals in Richtung eines fokalen epileptischen Anfalls. Eine Videodokumentation durch Tierhaltende kann daher für die Diagnostik sehr hilfreich sein. Denn im Unterschied zu generalisierten epileptischen Anfällen, sind Hunde bei einer PD stets bei klarem Bewusstsein. Die Abgrenzung zu fokalen epileptischen Anfällen ist mitunter schwieriger. Allerdings fehlen bei der PD jegliche prä- und postiktalen Symptome, betroffene Hunde zeigen nach dem Verschwinden der Bewegungsstörung keine Einschränkung und müssen sich nicht in irgendeiner Form von dem Ereignis erholen. Es treten keinerlei neurologische Defizite auf (Überblick s. Tabelle).
| Paroxysmale Dyskinesien | Epilepsie |
| Keine Bewusstseinsstörungen, Tiere reagieren auf Ansprache, versuchen möglicherweise, zu laufen | I. d. R. Bewusstlosigkeit bei generalisierten Anfällen, bei fokalen Anfällen kann der Hund jedoch bei Bewusstsein sein, autonome Zeichen sind möglich, bestehen aber nicht immer, weshalb eine Unterscheidung mitunter schwierig ist |
| Keine Prodromalphase, bzw. keine präiktalen Zeichen (z. B. Vokalisieren, Ängstlichkeit, Starren) | I. d. R. kündigen sich Anfälle durch entsprechende Symptome (s. links) an |
| Keine postiktale Phase, Hunde zeigen ihr normales/gewohntes Verhalten, nachdem sich die Bewegungsstörung aufgelöst hat, es lassen sich keine neurologischen Defizite feststellen | I. d. R. mehr oder weniger stark ausgeprägte Erholungsphase mit Anzeichen wie Erschöpfung, Verwirrung oder neurologischen Defiziten, wie Einschränkung des Seh- oder Hörvermögens, Gangunsicherheit über Stunden, ggf. auch Tage, nach dem Anfall |
Paroxysmale Dyskinesien können hereditär oder erworben sein. Für eine Reihe von Rassen sind genetische Ursachen für PD bekannt oder werden vermutet, z. B. Bichon Frisé, Border Terrier, Boxer, Cavalier King Charles Spaniel, Chinook, Deutsch Kurzhaar, Jack Russel Terrier, Labrador, Malteser, Markiesje, Norwich Terrier, Scottish Terrier, Sheltie, Soft-coated Wheaton Terrier, Welsh Terrier und Yorkshire Terrier.
Zu den Ursachen der erworbenen PD zählt neben strukturellen Veränderungen bzw. Erkrankungen, die das Nervensystem betreffen (z. B. Traumata, Tumorerkrankungen, Entzündungen etc.), und Medikamenten (z. B. Propofol oder Phenobarbital) auch eine Glutensensitivität. Letztere ist für den Border Terrier (paroxysmale glutensensitive Dyskinesie, PGSD) bekannt, sie scheint aber auch andere Rassen und Mischlinge betreffen zu können. Der genaue Krankheitsmechanismus ist bislang unklar. Untersuchungen konnten zeigen, dass die betroffenen Hunde erhöhte Antikörper-Spiegel gegen das Glutenprotein Gliadin aufwiesen. Für Border Terrier gelten erhöhte Spiegel der modifizierten Gliadin-IgG-(MGP-IgG) und der Gewebs-Transglutaminase-IgA-(TG-2-IgA)Antikörper als spezifische diagnostische Marker der paroxysmalen glutensensitiven Dyskinesie (PGSD).
Diagnostik
Bei Hunden mit entsprechender Klinik gilt es zu Beginn, eine sorgfältige Anamnese zu erheben und sich die Symptome von den Tierhaltenden möglichst genau beschreiben zu lassen (idealerweise als Video dokumentiert), sowie die Häufigkeit der Anfälle, ihre Dauer, das Alter des Tiers beim ersten Auftreten usw. (ggf. mithilfe eines Symptom-Tagebuchs). Eine allgemeine klinische und neurologische Untersuchung schließt sich an. In Blut- und Urinuntersuchungen gilt es, Parameter zu erheben, die im Kontext mit epileptischen Anfällen oder anderen Differenzialdiagnosen relevant sind, z. B.:
Blutuntersuchung:
- Blutglukose-Spiegel, einschl. Fruktosamine
- Schilddrüsen-Profil
- Postprandiale Gallensäuren
- Plasma-Ammoniak
- Vitamin B12
- Großes Blutbild
- Serumchemische Untersuchung, einschl. Elektrolyte, Leberwerte, Nierenwerte, Blutfette etc.
- Je nach Rasse und Verfügbarkeit ggf. Gen-Tests auf eine PD
Urinuntersuchung:
- Spezifisches Gewicht
- Glukose
- Protein
- pH-Wert
Bildgebende Verfahren:
- Röntgenübersicht Thorax und Abdomen
- Ultraschalluntersuchung des Abdomens
- MRT, insbesondere des Schädels
Ergeben die Untersuchungen keine Hinweise auf andere auslösende Erkrankungen, ist eine serologische Untersuchung auf eine Glutensensitivität sinnvoll – im positiven Fall ist eine PGSD sehr wahrscheinlich. Bei anderen Formen der paroxysmalen Dyskinesie, bei denen die Antikörpertiter unauffällig sind, kann ggf. zusätzlich ein EEG zur Klärung herangezogen werden – im Gegensatz zu epileptischen Anfällen sind die elektrischen Gehirnaktivitäten bei Hunden mit paroxysmaler Dyskinesie unauffällig.
Therapie & Prognose
Es ist wichtig, die Therapie auf den individuellen Fall auszurichten. Ist etwa bekannt, dass sich die Bewegungsstörungen durch Stress auslösen lassen, ist auf eine entsprechende Stressvermeidung oder -reduktion zu achten. Manche Hunde sprechen auf Medikamente an (z. B. Antiepileptika, Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Bei der PGSD des Border Terriers ist eine glutenfreie Diät zielführend, und meist verschwinden die Bewegungsstörungen nach mehreren Monaten vollständig. Auch wenn die PGSD bisher nur für Border Terrier beschrieben ist, scheinen auch andere Hunderassen von einer glutenfreien Diät zu profitieren.
Für Besitzende ist es wichtig zu wissen, dass paroxysmale Bewegungsstörungen zwar belastend sein können, jedoch keine Lebensgefahr für den Hund bedeuten. Insbesondere bei einer PGSD ist die Prognose bei einer entsprechenden Diät sehr gut, und die Beschwerden verschwinden in der Regel vollständig. Eine Ernährungsberatung der Tierhaltenden zu glutenhaltigen Lebensmitteln ist wichtig, um eine unbeabsichtigte Glutenexposition zu vermeiden.
Weitere Informationen
Autorin: Redaktion vetproduction GmbH
Datum: Oktober 2026
Quellen:
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